Geschichten

Der Tanz der Schatten

Tanz der Schatten

Geschmeidig dreht das Kind des Lichtes unermüdlich seine  Pirouetten auf der kristallenen Tanzfläche. Leicht wie eine Feder schwebt es durch die Lüfte. Jede einzelne Bewegung ist reine fließende Zartheit und wird von einem tiefen Leuchten begleitet.

Plötzlich ein Donnerschlag! Es rumpelt und kracht atemberaubend in einem völlig unharmonischen Rhythmus. Es wird dunkel und immer dunkler und immer lauter und lauter. Das Kind des Lichtes stürzt und fängt zu fallen an. Es fällt in die tiefe Dunkelheit. Immer tiefer und tiefer. Ohne Halt und ohne Boden und der Schreck fährt ihm durch alle Glieder.

Die Angst beginnt durch das Kind des Lichtes zu kriechen. Es erschaudert tief. Danach folgt der Zweifel und der Schmerz. Das Kind des Lichtes zieht sich völlig gelähmt in sich zurück und verharrt. Wie lange weiß niemand, denn Zeit existiert nicht. Die Energie kann nicht mehr fließen. Sie baut sich auf. Stück für Stück. Wird immer mehr und mehr. Irgendwann wandelt sie sich in Wut um. Wut auf sich selbst und allem, was ist.

Auf einmal brechen alle Begrenzungen auf. Die angestaute Energie fliegt den Anwesenden nur so um die Ohren. Das Kind des Lichtes ist tief bestürzt über sein Tun, möchte davonlaufen und sich wieder verstecken. Da ruft ihm eine feine Stimme zu: „Bleib, mein Kind. Der Tanz der Schatten gehört genauso zum Sein, wie der Tanz des Lichtes. Wenn du dich dem Tanz der Schatten öffnen und mittanzen kannst, wirst du erfahren, welch großartige Symphonien sie spielen und dich an die ganz versteckten Orte führen, die nur sie kennen und an denen noch viel mehr Licht auf dich wartet.“

Das Kind des Lichtes trocknet zögerlich seine Tränen, holt tief Luft und lässt sich ganz vorsichtig in den Tanz der Schatten fallen. Die dunklen Melodien ertönen wieder. Erst leise. Dieses Mal kann das Kind des Lichtes zuhören. Die Melodien werden langsam lauter. Das Kind des Lichts wippt irgendwann sogar mit den Füßchen mit, als die Melodien immer mehr anschwellen und lässt sich mit ihnen davontragen.

Als es die Augen wieder aufmacht, steht es vor ganz vielen leuchtenden Türen. Türen, die geradezu nur darauf warten, von ihm geöffnet zu werden und tiefe Freude und Dankbarkeit erfüllen sein kleines Herz.

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