Die Umrisse lassen den Tannenwald mehr erahnen als erkennen. Es ist Neumond. Dunkelmond. Graue Nebelschwaden ziehen langsam über den feuchten Moosboden. Riesengroße Steinblöcke liegen überall verstreut. Es wirkt so, als ob sie eines Nachts einfach so entschieden haben, direkt vom Himmel auf die Erde zu fallen.

Miriam kann ihre eigene Hand kaum vor den Augen erkennen. Es zieht sie weiter in die Finsternis des Nadelwaldes hinein. Irgendetwas ruft dort nach ihrem Herzen. Sie zieht ihren Kristall aus dem Lederbeutel und reibt ihn ein wenig, damit sein Licht schwach erstrahlt. So leuchtet er ihr den Weg und schwebend bewegt sie sich weiter in die Dunkelheit hinein.

Plötzlich kommt sie auf die Lichtung, die sie schon so oft besucht hat. Die hölzernen Stege führen wieder von den vier Himmelsrichtungen auf die kunstvoll mit Eisen verzierte Plattform hinauf. Ein Werk der Alben. Pure Magie.

Miriam schwebt den Steg des Westens hinauf, vom dem aus sie dieses Mal gekommen ist. Merlin. Er steht dort und erwartet sie. Er lächelt seinem Schützling entgegen und scheint sich sehr zu freuen. Miriam kribbelt es wohlig im Herzen. Temperamentvoll umarmt sie den geliebten alten Zauberer und drückt ihn so fest, bis es sich lachend wieder Luft verschaffen muss.

„Miriam. Es ist genug! Ich kriege ja gar keine Luft mehr.“ lacht er. „Schön, dass du da bist. Heute ist eine besondere Nacht. Ich freue mich sehr, dass du deine Prüfungen bis hierher geschafft hast. Viele deiner Leben warte ich schon darauf. Nun ist es soweit.“ sagt der alte Eingeweihte zu ihr.

Miriam fröstelt es. Die Mysterien berühren sie immer wieder tief im Herzen. Sie liebt den erhabenen weisen  Mann sehr. Er ihr ein Stück ihres Zuhauses. Familie. Ihr strengster und zugleich ihr liebster Lehrer. An vieles des verborgenen Wissens, das ihr auch in diesem Leben wieder zuteil wurde, durfte sie sich durch die Führung von Merlin wieder erinnern.

„Komm mit. Wir reisen heute Nacht mit der Energie von La Luna an einen anderen Ort.“ Merlin reicht Miriam mit diesen Worten die Hand. Sie nimmt sie vertrauensvoll entgegen und schließt ihre Augen. Merlin murmelt etwas und plötzlich wird es taghell. Heller als taghell. Das Licht erstrahlt so intensiv, dass Miriam einen Moment benötigt, bis sie wieder klar sehen kann.

Sie steht Metatron gegenüber. Er sieht ihr prüfend lange in die Augen. Dann nickt er zufrieden. „Du bist also jetzt soweit. Gut. Sehr gut. Dann wollen wir schauen, ob du die Prüfung für den nächsten Einweihungsgrad meistern kannst. Bist du bereit?“ fragte er Miriam.

Miriam muss darüber nicht nachdenken. Sie geht den Weg der Erkenntnis schon lange genug, um zu spüren, dass hier eine liebevolle Energie am Werk ist. Sie weiß, dass Bilder oft genug täuschen können und ist mittlerweile erfahren genug, um Energien mit dem Herzen zu prüfen. Oft genug wurde sie in diesen Bereichen immer wieder getestet, um zu erkennen, dass sie hier vertrauen kann.

So nickt sie und lässt sich von ihrem Herzen führen, verschliesst das innere Sehen und streckt Metatron die geöffneten Hände empfangend entgegen. Sie lässt sich tiefer und tiefer fallen. Eine wundervolle Energie umgibt sie. Wohlig, wärmend, hell und leicht zugleich. Auf einmal hält sie etwas in der Hand. Ein schmaler länglicher Gegenstand ist es.

„Schreibe mit dieser Feder aus dem Herzen, Miriam. Schreibe die Worte, die du gerade jetzt im Herzen trägst und vertraue dem Licht in dir.“ hört sie in ihrem Kopf. Metatron spricht nun über ihr Inneres zu ihr. Miriam lässt sich noch ein wenig tiefer fallen. Das Einhorn zeigt sich. Wunderschön und leicht. Kristalline Energie, die sie umfängt und sie hält. Tief im Herzen berührt, findet Miriam so den Eingang. Den Eingang in ihr Innerstes und so lässt sie los. Einfach so.

Die Worte kommen von ganz alleine. Miriam spürt ihre Energie durch sich hindurchfließen. Tief aus dem Herzen fließen sie und schreiben sich selbst. Sie spürt das leise Ritzen des Stiftes auf dem Papier. Sie spürt es, sie hört es. Buchstaben formen sich und doch sind ihr die Worte nicht bewusst, die da geschrieben werden. Sie fällt noch tiefer in die Energien hinein. Hier könnte ich immer bleiben, kommt es in ihr. Es ist so schön hier. Der perfekter Zustand allen Seins.

„Miriam. Miriam… Komm zurück.“ erklingt die Stimme von Merlin. Miriam öffnet benommen ihre Augen. „Wo ist Metatron?“ fragt sie und schaut sich verwundert um. Merlin und sie befinden sich wieder auf der Alben-Lichtung im Tannenwald. Enttäuscht seufzt Miriam leise. „Ich hätte mich doch so gerne noch von ihm verabschiedet.“ sagt sie.

„Aber das hast du doch. Du kannst dich nur gerade nicht daran erinnern.“ Merlin kommt auf sie zu und nimmt sie lange in dem Arm. „Ich gratuliere dir von Herzen, Tochter. Du hast deine Prüfung bestanden.“ Er reicht ihr eine längliche Holzschatulle, deren Deckel mit wunderschönen goldenen Intarsien geschmückt ist. Dann holt Merlin noch ein gebundenes Buch mit einem rot eingefärbten Ledereinband hervor und übergibt auch das mit einer tiefen Verbeugung feierlich an Miriam.

„Ich hab die Prüfung bestanden? Juhu!“ freut sich Miriam und ihre Augen leuchten strahlend. „Doch ich weiß ja gar nicht, was genau passiert ist. Was und wie habe ich es denn geschafft?“ fragt sie den alten Zauberer.

„Das ist jetzt nicht wichtig. Eines Tages wirst du die Worte aus deinem Herzen erfahren, die du geschrieben hast. Sie wurden von deinem göttlichen Funken direkt aus deinem Herzen geschrieben. Metatron bewahrt sie mit den Herzensworten von anderen auf, bis du den Weg der Einweihungen zu Ende gegangen bist. Wann und in welchem Leben das geschehen ist, wird sich zeigen.“ liebevoll lächelt er sie an. „Öffne dein Geschenk, dass du für deinen weiteren Weg erhalten hast.“

Miriam sieht die wunderschöne Holzschatulle neugierig an und streicht mit den Fingern über die Verzierungen, deren Bedeutung sie in diesem Moment noch nicht greifen kann. Sie öffnet den goldenen Verschluss und hebt den Deckel. Eine sehr fein verarbeitete Schreibfeder zeigt sich.

„Ist das…?“ sie sieht Merlin mit offenem Mund ungläubig an.

„Ja, das ist es. Deine eigene diamantene Zauberfeder der Manifestation.“ Er lächelt und ist von ihrer kindlichen Freude berührt.

„Ui…“ Sprachlos steht Miriam da. Langsam kullert ihr eine Träne über die Wange. „Und wenn ich damit etwas unglückliches schreibe?“ fragt sie zögerlich und sieht Merlin verunsichert mit großen Augen an.

„Du hast deine Herzensworte mit deinem göttlichen Funken geschrieben. Du bist soweit. Vertrau dir selbst und lass deine Angst los. Kein Adept der Mysterien erhält diese Feder, wenn er noch nicht soweit ist. Doch nutze sie weise. Du weisst um ihre Kraft. Gehe deinen Weg einfach so wie bisher weiter. Ein oder zwei Tritte neben deinen Weg gehören dazu. Und schließlich sind wir alle auch noch da.“ Merlin zwinkert ihr zu. „Und nun öffne das Manifestationsbuch und übergib ihm deine Energie mit der Signatur deines Namens.“

Miriam öffnet die Schnürung des Ledereinbandes und öffnet das Buch. Sie nimmt die diamantene Feder vorsichtig aus der Schatulle. Feine Linien geben der Feder ihre Form. Das Licht bricht sich in tausend Farben im Diamanten. Miriam holt tief Luft. Es durchrieselt sie ein Schauder. So vieles hörten sie über diese Feder in all den Unterrichtsstunden. Nun durfte sie ihre eigene in den Händen halten. Sie zittert.

Miriam betrachtet die erste Seite in ihrem Leder und zögert noch ein wenig, bevor sie mit dem Schreiben beginnt. Es kommt noch einmal etwas Angst in ihr hoch. Mit Respekt streicht sie über die Seite. Sie atmet noch ein paar Mal bewusst in aller Ruhe. Die Entspannung zieht ein und ihr Energiekörper dehnt sich aus. Die Liebe fließt durch ihr Herz. Sie setzt an und schreibt ihre ersten Buchstaben.

Erleichtert sieht sie die Worte an. Grün. Die Feder wählte die Farbe Grün für ihren Namen. Ein Grinsen zieht über Miriams Gesicht und das letzte Staubkörnchen der Anspannung fällt auch noch von ihr ab. Grün. Die Farbe des Herzens.

© Dimension Sieben