Geschichten

Die Zeit hält ihren Einzug

Die Zeit hält ihren Einzug

Lautlos glitt die kleine Eliara an den Nachtschattengewächsen vorbei, schenkte ihnen ein inniges Lächeln und setzte gefühlvoll zur Landung auf dem Stumpf des einst so prachtvollen Lindenbaumes an. Die anderen hatten sich längst eingefunden, da die Dämmerung bereits weit fortgeschritten war. Ihre Eltern erwarteten ihre Jüngste schon und zogen sie in ihre Mitte.

„Eliara, die Jüngsten sollten bei der abendlichen Versammlung die ersten Anwesenden sein. Das weißt du doch. Was hat dich aufgehalten?“ fragte sie ihr Vater Felier, der als einer der hohen Ratsherren besonders sorgfältig auf die Einhaltung der Friedensregeln achtete. Er zwinkerte ihr zu.

„Vater, ich habe während des Eintauchens in meine Gaben die Zeit vergessen. Ich kann mich irgendwie immer noch nicht richtig an sie gewöhnen. Sie fühlt sich noch so ungewohnt an. Das nächste Mal, wenn ich übe, werde ich mir eine Erinnerung für die Zukunft wünschen. Doch diese ständige Planung macht mich irgendwie müde. Fühlen macht mir so viel mehr Freude als denken. Ich hoffe, ich lerne das bald.“ erwiderte Eliara ihrem Vater und strahlte ihn mit ihren aufgeweckten Augen an, da sie ihn von Herzen liebte und bewunderte.

Iseren, ihre Mutter, streichelte ihr zärtlich über den Kopf.
„Wie ich sehe, ist mein kleines Mädchen wieder fleißig und entdeckt für sich die neue Welt. Das wird schon. Auch für mich ist es nicht ganz einfach. Wo ich vorher über die Gedankenkraft alles direkt manifestieren konnte, muss ich mir hier Einzelschritte überlegen und auch noch die Reihenfolge, wie ich sie hintereinander anordne. Doch das konntet ihr ja heute Mittag beim Essen selbst schmecken. So ein Durcheinander.“ lachte sie und nahm Eliara in den Arm.

„Ja, das sind neue Zeiten. Auch im Rat sprachen wir heute Morgen darüber in der Sitzung. Die Energieversorgung unterliegt hier ebenfalls anderen Gesetzmäßigkeiten. Doch einige der jungen Magier arbeiten bereits daran und konnten schon erstaunliche Erkenntnisse gewinnen. Kommt doch morgen mal mit und seht es euch selbst an.“ schlug Felier vor.

„Vater, die Mädels und Technik! Du weißt doch, dass sie sich für alles interessieren, nur das nicht. Lass sie lieber Kleider schöpfen, magische Pflaster fliegen lassen und sinnliche Gewürztees zur Heilung zubereiten.“ ertönte lachend die warme tiefe Stimme von Issaru, ihrem ältesten Bruder. Er zog Eliara neckend am Ohr.

Sie kicherte und ließ unmittelbar rosaroten Nebel entstehen, der Issaru einhüllte und ihm völlig die Sicht nahm.

„Hey, höre sofort auf damit, freche kleine Schwester! Ich war gerade erst im Heiltempel und hab meine Urfrequenz ausmitteln lassen. Ich hab nicht schon wieder Lust, den ganzen Tag nur noch grinsend durch die Gegend zu laufen. Ich möchte lieber weiter an den hiesigen Bedingungen von Mutter Erde forschen. Da brauche ich den Fokus auf einen klaren Geist. Alles ist so neu hier, so aufregend, so spannend. Heute Nachmittag sind wir wieder entscheidende Schritte weitergekommen. Doch wie ich sehen kann, lernst du ebenfalls dazu.“ lobte er Eliara anerkennend. Danach ging er mit seiner Aufmerksamkeit nach innen, verband die Energie seiner Krone mit seinen Wurzeln und löste den Nebel im Handumdrehen wieder auf.

„Wann geht es denn nun eigentlich hier los?“ fragte Iseren. „Wenn ich mir diesen Zeitmesser so ansehe, sind wir schon 60 Minuten über der Startzeit. Ich würde heute auch noch gerne, das ein oder andere in der Verbindung mit Großmutter Wasser ausprobieren. Ihre Energie zieht mich unglaublich stark an.“

„Da scheint wohl auch so mancher Hohepriester noch ein kleines Problem mit der Zeit zu haben. Nur Vater ist mal wieder ganz regelkonform. Wie immer.“ Issaru grinste seinen Vater schief von der Seite an.

Über Feliers Gesicht huschte ein kleines Lächeln.
„Ja, das sind in der Tat erstaunliche Zeiten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Glück ist das nur vorübergehend so. Die Dimensionen nähern sich einander immer weiter an und verschmelzen kontinuierlich. Auch für die Geschöpfe auf der anderen Seite ist das eine besondere Herausforderung. Lassen wir es auf uns zukommen. Denn wie die Ältesten schon immer sagten, liegt in der Ruhe die meiste Kraft.“ entgegnete er.

© Dimension Sieben, 2017

Das neue Hörbuch auf Dimension Sieben

Im ersten Teil dieser neuen Serie erzählt dir Manuela Rohr, wie sie von der geistigen Welt auf den Weg der Heilerin gerufen wurde, wie sich ihre Wahrnehmung kontinuierlich erweitert und welche Herausforderungen und neue Erkenntnisse ihr auf diesem Weg immer wieder begegnen.

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