Miriam sitzt an den heiligen Gewässern von Avalon und dreht gedankenverloren die weiße Rose zwischen den Fingern. Spitz sind die Dornen, wunderschön ist die Blüte. Tief seufzend versinkt ihr Blick in der schillernden Oberfläche des klaren Wassers. Die Geister des Wassers rufen sie leise zu sich. Wie ein Magnet sinkt Miriams Bewusstsein immer weiter in die dunkle Tiefe hinab.

„Na, sehen wir uns endlich?“ fragt die tiefe warme Stimme von Erzengel Michael frech. Ein freches Zwinkern sitzt ihm in den Augen. Miriam erschrickt und löst diese Verbindung schmunzelnd schnell wieder. Hierfür ist sie nicht gekommen.

Der Ruf zieht sie weiter. Sie reist mit der unterirdischen Strömung und lässt alles los. Sie wird an verliebten Seepferdchen-Paaren vorbei getragen. Die mystischen Laute von Delphinen sind zu hören. Sie verzaubern ihren Geist noch mehr und begleiten sie weiter auf ihrem Weg in die Tiefe hinab.

„Wir haben dich erwartet, Miriam. Schön, hast du den Worten des Hüters von Avalon vertraut und dich auf den Weg zu uns gemacht.“ erklingt eine weiche fließende Stimme.

„Ja, hier bin ich. Doch wer seid ihr denn? Ich kann euch gar nicht sehen.“ fragt Miriam in die weite Leere des Wassers hinein.

„Nun, manche nennen uns Tropfen des Ozeans, andere Großmutter Wasser, auch viele Namen eurer Göttinnen sind uns gewidmet. Wir sind nicht zählbar. Wir sind weit. Wir sind unbegrenzt. Wir sind überall. Bewusste Energie. Wir tragen alle Informationen in uns. Wasser – in allem erwacht.“ erklang die weiche Stimme von allen Seiten.

„Schön, bist du nun also hier, Tochter des Wassers. Nun beginnt dein eigentlicher Unterricht. Die ersten Prüfungen hast du alle gemeistert. Du hast das Wasser verteidigt, dass du in dir trägst. Du hast mit Feuer gekämpft. Du hast die Luft gebändigt. Die Erde trägst du ja auch bereits in dir. Kind der Sonne. Tochter von La Luna. Stern der Meere. Nun wird es Zeit, dass du dein Element zur Meisterschaft führst. Deshalb bist du hier.“ sagte die Stimme.

Miriam fröstelte es. Tief in ihrem Inneren kannte sie diese Geschichte bereits. In diesem Moment kam sie nur an die Oberfläche des Sichtbaren. Ins Jetzt. Doch tief in ihr war dieser Weg schon immer eingebrannt gewesen. Diese Art von Erkennen wurde von den Menschen oft Dejavu genannt. Das Erkennen von etwas, das immer schon bekannt war. Auferstanden aus dem innersten Tempel des Herzens, den jede Seele tief in sich trägt.

„Schlimmes habe ich erlebt. So viel schlimmes. Ich bin unendlich froh, dass es jetzt vorbei ist. Endlich kriege ich wieder Luft und kann frei atmen. Endlich spüre ich mein eigenes Herz wieder, spüre, wie es schlägt, wie es liebt, wie es hört, wie es sieht und wie es spricht. Endlich fühle ich mich selbst wieder. Kann endlich wieder bei mir bleiben und fühle mich wirklich frei.“ erzählte Miriam nun Großmutter Wasser, wie sie sie schon immer nannte.

„Wir wissen das. Und doch warst du es, die sich das genauso ausgesucht hat. Im Moment kannst du dich nur noch nicht an alles erinnern. Doch die Erinnerungen werden sich Stück für Stück zeigen. Immer dann, wenn es an der Zeit ist. Du warst sehr tapfer. An der ein oder anderen Stelle hast du einige Abzweigungen genommen, die nicht genauso im Plan vorgesehen waren. Doch es gibt für dein Wachstum kein richtig und kein falsch. Jeder Weg führt dich letztendlich weiter. Nun bist du soweit, dass du deine Kräfte und Energien bei dir behalten kannst. Deine Wahrnehmung ist offen genug, dass du ihr vertraust und die Energien von anderen klar wahrnehmen und mit ihnen angemessen umgehen kannst.“ erklärte Großmutter Wasser.

„Die nächste Lektion für dich ist immer tiefer zu sinken. Alles, wirklich alles und jeden loszulassen. Eine Heilerin, die vollkommen in ihrer Kraft ist, haftet an absolut gar nichts mehr an. Sie vertraut sich und dem Leben zu einhundert Prozent. Wie der Delphin springt sie kräftig von Welle zu Welle und lässt sich mit dem geringsten Krafteinsatz voller Frohmut im Fluss des Lebens tragen. Bewahre dir dein Vertrauen in die Menschen. Zieh dich zurück, wenn du das empfinden hast, die Disharmonien sind zu groß, doch bewahre dir unbedingt dein Vertrauen. Stärke deinen Glauben. Der Glaube ist DER zentrale Schlüssel. Du weißt das bereits. Der Glaube versetzt die Berge. Nichts anderes. Glaube ist pure Medizin, mein Wassermädchen. “ Liebevoll umspielten die Wasserströme nun Miriam und die zauberhaften Klänge der Delphine tanzten zart in ihren Ohren.

„Laufe auf deinem Weg, rufe deine Wassergeister zu Hilfe. Sie werden dich lehren. Sie werden dich führen und dich schützen. Du hast einige Aufgaben, die auf dich warten, Vertraue, glaube und lasse los. Traue dich, dein Herz wieder komplett zu öffnen. Es wird alles zur richtigen Zeit kommen. Höre auf damit, unsinnige Pläne zu erstellen. Die Dinge kommen genau so zu dir, wie es die kosmische Ordnung für dich vorsieht. Entspanne, lasse los und verbinde dich mit jeder einzelnen Faser mit deinem Wasser. Mit deiner Weiblichkeit, die du tief in dir trägst. Die Weiblichkeit kehrt in diesen Zeiten zurück. Mit allem, was sie ist. Mit aller Zartheit, mit aller Wildheit und aller Kraft. Sie wird befreit und befreit sich auch selbst. Von euch allen. Und nun geh frohen Mutes deinen Weg und lass dich von den Wellen tragen. Sie können dich gar nicht fallen lassen. Vertrau darauf und bewahre dir deine Freiheit.“ Ein wunderschöner Delphin mit weißen Streifen kam nun näher und küsste Miriam mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht sanft zum Abschied auf die Lippen, während sich ihre Blicke tief in den Seelen begegneten.

Lächelnd küsste Miriam zurück, umarmte ihn und ließ sich von ihm zurück an die Oberfläche vor das Tor von Avalon tragen, wo sie sich noch von den warmen Strahlen von Vater Sonne trocknen ließ, bevor sie mit ihren neuen Aufgaben wieder dorthin zurück kehrte, von wo sie herkam.